„Aus Milch … sind alle meine Kleider“

Schon von Kleopatra hat man behauptet, sie habe in Milch gebadet, um ihre Haut jung und glatt zu halten. Diesem Ritual widmet sich auch die junge Frau in einem Werbespot von Qmilk. Doch als diese sich aus der Wanne erhebt, trägt sie ein weißes Kleid. Ein Kleid – wie sich bei der Lektüre der zugehörigen Webseite herausstellt – aus Milchfasern.

von Stefanie Schrade

Köln 14. April 2015   Die Ansicht, Milch enthalte verjüngende und pflegende Wirkstoffe wurde bereits in der Antike verbreitet und reicht bis heute, auch wenn Kleopatras regelmäßiges Bad in Eselsmilch weithin als exzentrisch galt. Der hohe Eiweiß- und Kalziumgehalt von Milch bei gleichzeitig geringem Fettanteil verleiht dem Körper Kraft und ist leicht verträglich. Doch was nun eine junge Designern aus Hannover auf zahlreichen Innovationskongressen vorgestellt hat, konnte man sich bislang noch nicht vorstellen: Textilien hergestellt aus dem Milcheiweiß Kasein.

Anke Domaske, Modedesignerin

Anke Domaske ist diplomierte Mikrobiologin – und Modedesignerin. Schon während ihres Biologiestudiums arbeitete sie als Kleinunternehmerin mit drei Angestellten an ihrer Modelinie „Mademoiselle Chi Chi“. Die Idee hierzu war ihr während eines Auslandsaufenthaltes in Japan gekommen. Von ihrem Wohnort Hannover aus pendelte sie nach Göttingen nur des Studiums wegen. Hier beschäftigte sie sich intensiv mit Bakterien und Fasern jeglicher Art. Eine gänzlich neue Herstellungsmethode für Textilien zu entwickeln, rückte aber erst dann in den Blickpunkt als der Stiefvater an Krebs erkrankte. Viele synthetisch hergestellte Kleidungsstücke vertrug seine Haut nicht mehr. Kein Einzelfall: Viele Menschen reagieren empfindlich oder allergisch auf die durch chemische Behandlungen in der Kleidung zurückbleibenden Schadstoffe.

Die extrem dünne Faser. die bei der Aufbereitung des Milcheiweiß Kasein entsteht, schafft Abhilfe für die meist empfindliche Haut von Allergikern. Der fertige Stoff ist in seiner rohen Form so weich wie Seide. Bei der Herstellung legt Domaske besonders großen Wert auf Nachhaltigkeit und Umweltfreundlichkeit. Ihre Milchtextilien sind vollständig kompostierbar. Und nein – betont sie in ihren Vorträgen – es werden keine Lebensmittel verschwendet. Die Fasern ihrer Marke QMilk werden ausschließlich aus nicht mehr für den Verzehr geeigneter Milch hergestellt. Was in anderen Fällen in den Abfall wandern würde, wird hier also zu einem neuen Rohstoff verwertet.

Neben Textilien entwickelt die Jungunternehmerin mit ihren derzeit 20 Mitarbeitern auch Kosmetik, die auf Milcheiweißen basiert. Die Hautpflegemittel sind die einzigen Produkte, mit denen sich die Firma direkt an ihre Endkunden wendet.

http://www.qmilk.eu

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung (15. April 2015)

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Das Leben der Kinder im syrischen Bürgerkrieg – Mädchen ergibt sich vor Kamera

„Kein Kind sollte so etwas erleben“ – „Die Welt hat versagt, die Menschlichkeit hat versagt“ – „Ein herzzerreißender Anblick“ – Das sind nur einige der Kommentare, die zurzeit auf dem Kurznachrichtendienst Twitter (#surrended) zu lesen sind. Jeder von ihnen zeigt das selbe Foto. Ein vier-jähriges Mädchen schaut mit panischem Blick in die Kamera, die Arme hat es kapitulierend in die Höhe gestreckt.

Das Foto der kleinen Hudea aus Syrien kursiert seit mehreren Tagen in den sozialen Netzwerken und löst tiefe Bestürzung aus. Die BBC konnte nun den Fotografen ausfindig machen, der den Moment festhielt. Der türkische Fotojournalist Osman Sagirli traf im Jahr 2012 in dem syrischen Flüchtlingslager Atmeh auf die Vierjährige. Als er das Mädchen aus großer Entfernung mit einem länglichen Teleobjektiv ablichtete, schockierte es ihn selbst, dass Hudea erstarrte und die Hände in die Luft riss. „Ich bemerkte […], dass sie in Panik war. Normalerweise rennen Kinder weg, verbergen ihr Gesicht oder Lächeln, wenn sie einen Fotoapparat sehen.“, sagte Sagirli der BBC. Hudea aber verwechselte die Kamera mit einer Waffe.

Seit 2011 tobt in Syrien der Bürgerkrieg, der vermutlich bereits mehr als 200 000 Menschenleben forderte. Mehr als 2 Millionen Syrer sollen auf der Flucht sein. Neben diesen Zahlen, sind es vor allem die Einzelschicksale, die das Leid der Zivilbevölkerung zum Ausdruck bringen. Nachforschungen der BBC zufolge, lebte Hudea zum Zeitpunkt des Fotos mit ihren drei Geschwistern und ihrer Mutter in dem syrischen Flüchtlingslager nahe der türkischen Grenze. Der Vater sei bei einem Luftangriff ums Leben gekommen.

Bilder wie diese machen die Erlebnisse der Menschen – insbesondere der Kinder – in Kriegsgebieten erst greifbar. Osman Sagirli fasst zusammen: „Es sind die Kinder, die Gefühle mit ihrer Unschuld am authentischsten reflektieren.“

Die Stadt der Liebe?! – Mit dem 1Live-Lovetrain nach Paris

300 Singles, ein Zug, eine Nacht auf der Seine unter dem Eiffelturm – das klingt schon ganz schön verlockend, und könnte ja so romantisch sein. Das hat sich auch das 1Live-Team gedacht und ganz groß aufgefahren: Für 150 Alleinstehende aus Nordrhein-Westfalen mit jeweils einer Begleitung sollte es daher am 28. September 2014 mit dem Thalys nach Frankreich gehen.

Vor dem Kölner Hauptbahnhof treffen wir an diesem unerwartet sonnigen Tag Reporterin Anja Backhaus samt Kameramann Stephan und Ton-Assistent Michel – sie werden uns dieses Wochenende begleiten. Am Gleis werden wir dann gleich etwas überrumpelt, was sich nur als Vorgeschmack auf den Rest der Reise herausstellen sollte. „Kann ich mir mal deine Singles ausleihen?“ Das fragt ein weiterer WDR-Reporter mit hoffnungsvollem Blick auf Anja, die gleich verneint. „Single“, ein interessantes Stigma.

(c) 1Live

Als wir in den Thalys steigen, ist die Party schon in vollem Gange. Nach einigen Minuten der verzweifelten Suche in den engen Gängen des Zuges, kommen wir an unseren reservierten Plätzen an. Eine junge Frau vor uns ist gerade dabei die Inhalte ihres Thalys-Beutels für die Kamera auf ihrem Sitz auszubreiten. Ein kleiner Klapp-Spiegel, eine Kerze, ein Lippenbalsam, eine Packung Munderfrischer. „Und was das hier ist, weiß ich nicht!“ – „Ein Pariser“, brüllt ihr einer der Männer zu und Gelächter bricht aus. Generell ist der Zug an diesem Punkt mit Gebrüll und Gelächter erfüllt. Gestartet war die Fahrt am Essener Hauptbahnhof, wo schon die meisten Fahrgäste eingesammelt worden waren. Man wollte die Feier so früh wie möglich beginnen. Dies ist auch der Punkt, an dem uns klar wird: dass es sich hier um eine reine Partyfahrt handeltt und diese alles andere als romantisch wird.

Neben einer Geschenk-Tasche mit allerlei kleinen Giveaways und einem Snack als Verpflegung, durfte auch die mittlerweile berühmt-berüchtigte Bistrodisko nicht fehlen. In Wagen 4 – dem eigentlichen Bistro des Thalys in dem sich Reisegäste für gewöhnlich mit Essen und Trinken versorgen können – wurde nun zur Musik der 1Live DJ’s Jan-Christian Zeller und Tobi Schäfer getanzt und gefeiert.

Angekommen in Paris wurden wir – wenn auch nur für kurze Zeit – in die Realität zurück geworfen. Bei einem kurzen Spaziergang und dem Abendessen in einem algerischen Imbiss, wird uns bewusst, dass Paris nicht nur die Stadt der Liebe, sondern auch der sozialen Gegensätze ist. Der schillernden Schönheit der Champs Elysses, des Triumphbogens, des Louvres und des Eiffelturms stellen sich Armut und Leid gegenüber. In den Straßen der Viertel fernab der Touristenwelt kämpfen Familien um ihr tägliches Überleben in dieser Metropole. Doch ist dieser Trip zu kurz und zu schnell-lebig, um sich lange damit befassen zu können. Kaum haben wir uns versehen, stolpern wir mit unseren Mitreisenden auf ein Schiff das unter dem in der Dämmerung glitzernden Eiffelturm angelegt hatte.

(c) 1Live

Eigentlich müsste man hier eher von einer Yacht sprechen. Der untere Teil des Bootes ist mit edelstem Holz ausgelegt, an der einen Seite thront das DJ-Pult, an der anderen mehrere Theken mit Getränken und Snacks. In die Decke sind hunderte kleine Lampen eingelassen – ein Sternenhimmel. Der Rest des Schiffes besteht aus Glas, die obere Etage hat kein Dach. Von hier aus begutachten wir das wunderschöne Ufer der Seine. Wir fahren bis Notre Dame, dann zurück bis zur Freiheitsstatue, wo wir wieder anlegen, um die Feier fortzusetzen. Während der Rundfahrt liegt dann doch ein Hauch Romantik in der Luft.

(c) 1Live

Nach vielen Stunden liegen wir dann erschöpft in unseren Betten, und lassen den Abend Revue passieren. Schon am nächsten Morgen geht es mit dem Zug zurück nach Köln. Die Kürze des Trips und die Fülle an Erlebnissen lässt dieses Wochenende fast als einen Traum erscheinen – doch es hat sich allemal gelohnt. Viele neue Gesichter, Freunde und Eindrücke später, sitzen wir wieder in der Kölner U-Bahn und lassen uns zurück in den Alltag befördern.

Die Reise mit dem Thalys Lovetrain wird bereits seit einigen Monaten in Holland angeboten und kann bald auch in Deutschland gebucht werden. Checkt dafur: http://www.thalys.de

Bootsfahrten auf der Seine können im Vorhinein oder vor Ort gebucht werden. Partyfahrten müssen einige Wochen vorher angefragt werden.

Den Beitrag von Anja Backhaus mit mir, könnt ihr euch schon heute Abend im WDR Fernsehen um 22 Uhr bei FrauTV ansehen. Viel Spaß damit!

Laulupidu – Wenn eine ganze Nation nach Freiheit singt

Als im Juni diesen Jahres zum 26. Mal tausende Menschen auf dem Lauluväljak – dem Sängerfestplatz in Estlands Hauptstadt Tallinn – zusammenkamen und die geballten Stimmen von 33.000 Sängern die Luft erfüllten, erinnerte dies nicht nur wieder an die lange, von Unterdrückung geplagte Geschichte dieses kleinen Volkes, sondern versetzte die Zuschauer in einen Zustand der Zeitlosigkeit. Genau hier hatte vor 134 Jahren das dritte offizielle Liederfest der Esten stattgefunden – nicht ohne skeptisch von russischen Behörden beobachtet zu werden.

Seit das estnische Sänger- und Tanzfest im Jahr 1869 zum ersten Mal in Tartu initiiert worden war, hatte es stets als Ausdruck estnischen Nationalbewusstseins gedient – wohlgemerkt in einem Land, das unter jahrelanger Besetzung durch Schweden, Deutsche und Russen stand. So war Gesang schon immer ein wichtiger Teil der estnischen Kultur, avancierte aber Mitte bis Ende des 20. Jahrhunderts zu einem Ausdruck nationaler Gemeinschaft.

Während die Kultur der knapp eine Million Einwohner umfassenden Bevölkerung des baltischen Staates nie unterdrückter war als unter sowietischer Herrschaft, war gerde diese Zeit, jene in der sie am stärksten bewahrt wurde. Zwar fanden alle fünf Jähre die traditionellen Gesangs-Festivals in Tallinn statt, jedoch wurde jeglicher Ausdruck nationalen Bewusstseins rabiat unterbunden. Anstatt estnisch-sprachiger Sängerschaften, traten Chöre der Roten Armee auf der großen Bühne in der Stadt an der Ostseeküste auf. Ein kleiner Umstand war es jedoch, der die verbotene Nationalhymne nicht ganz aus den Gedächtnissen der Esten verschwinden ließ: Der finnische Radiosender YLE, der im Norden des Landes zu empfangen war, spielte jeden Abend zu Programmschluss die finnische Nationalhymne – mit derselben Melodie der estnischen.

Alle fünf Jahre wenn die Chöre auf dem Lauluväljak zusammen kommen, gedenkt man der Zeit vor gerade mal 25 Jahren, in der sich die Menschen im Baltikum an die Hände nahmen und mit dem Herz auf der Zunge auf den Plätzen ihrer Länder für ihre Unabhängigkeit sangen. 1988 – drei Jahre vor der Wiederherstellung ihrer Unabhängigkeit – versammelten sich 300.000 Esten auf dem Lauluväljak und sangen ihre verbotene Hymne – die im Westen fast vergessene singende Revolution.

Bei seinem erst kürzlichen Besuch in Tallinn rief US-Präsident Barack Obama diese Zeit zurück in die Gedächtnisse der westlichen Staaten, und fasste genau das in Worte, was die Luft auf dem Liederplatz immer wieder mit Emotionen auflädt und zum Knistern bringt.

You are fulfilling the dream that your parents and grandparents struggled for but could only imagine, and that is living your lifes in free and independent and democratic baltic nations. That dream of freedom was obtained through centuries of occupation and oppression. […] And here in Estonia, it was a dream that found its most eloquent expression in your voices – on a grassy field not far from here – when Estonians found the courage to stand up against an empire and sing ‚land of my fathers, land that I love‘. […] And then exactly 25 years ago, people across the Baltics came together in one of the greatest displays of freedom – a non-violent resistance – that the world has ever seen. On that August evening perhaps 2 million people stepped out of their homes and joined hands – a human chain of freedom.

Die junge Generation der baltischen Staaten steht bereit ihre Chance zu nutzen, in Freiheit und Demokratie ihre Ideen und Träume in die Tat umzusetzen. Die Menschen in Estland und des restlichen Baltikums sind erfüllt von ihrer Tradition, aber voller Tatendrang zu kreieren, zu experimentieren, zu reisen, zu sehen, zu hören, zu lernen – und das findet nicht nur in ihren Stimmen beim Liederfest Ausdruck.

– – – Das nächste Liederfest findet am 29. und 30. Juni 2019 in Tallinn statt! – – –

Primark – In der Hölle des westlichen Kommerz

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Die Medienwelt hat wieder einen Aufhänger bekommen über die unterirdischen Zustände in der Textilproduktiion zu berichten. Von der Süddeutschen über den Spiegel bis hin zur FAZ – egal welche Online-Zeituing man heute aufruft, eine der großen Meldungen des Tages ist überall gleich: Eine Primark-Kundin im nordirischen Belfast hat einen in ihrer Primark-Hose eingenähten gefunden. Und damit ist sie nicht die Erste. Mal wieder stürtzt Primark’s Produktionsablteiung ihre PR-Leute in eine absolute Krisensituation. Oder müssen die PR-Beauftragten gar nicht mehr viel machen? Ist der kaum verständliche Hype um die britischeBilligmodekette schon zu groß, als das ein Skandal dieser Art ihm ein Ende bereiten könnte?

London , 26. Juni 2014.  –   Nach bereits zahlreichen Offenbarungen über die Zustände in den Produktionsstätten der Kleidungskette Primark, ist es wieder zu einem Skandal gekommen. Bereits im Jahr 2013 wurde bekannt, dass Primark, in der im April 2013 eingestürtzten Fabrik in Bangladesh produziert hatte, in der mehr als 1100 Menschen starben. Auch das Wissen, dass Primark-Mitarbeiter in den europäischen Lagern stark unter den chemischen Dämpfen der Kleidung leiden, ist relativ weit verbreitet.

Die in die Kleidungsstücle eingenähten Hilferufe der Arbeiter in Fernost machen das Problem jetzt noch greifbarer. Im aktuellsten Fall hat ein chinesischer Gefängnisinsasse einen Zettel mit „SOS! SOS! SOS!“ sowie chinesische Schriftzeichen und seinen Gefängnisausweis in eine Hose eingenäht. Die Schriftzeichen besagen, die Häftlinge schufteten „wie Ochsen“. Andere Arbeiter an weiteren Produktionsorten hatten zuvor ebenfalls einzelne Kleidungsstücke mit Botschaften wie „Wir arbeiten bis zur totalen Erschöpfung“ oder „erniedrigende Bedingungen in einem Ausbeutungsbetrieb“ versehen. Nur die pure Verzweiflung eines Mitarbeiters kann ihn dazu bewegen, heimlich eine solche Nachricht in einem Produkt zu verstecken. Das Gefühl, sich nur hinter vorgehaltenener Hand der Welt zu offenbaren, nicht die Möglichkeit zu haben sich einem Vorgesetztem anzuvertrauen, impliziert fast sklavenartige Verhältnisse.

Schon allein die Tatsache, dass Häftlinge zur Arbeit für Primark gezwungen werden, aber vielmehr auch die Umstände, dass offenbar selbst „freiwillige“ Arbeiter keinen anderen Ausweg sehen, als die Kunden ihres eigenen Arbeitgebers auf die Situation aufmerksam zu machen, sollte Agen öffnen. Es sollte diesen Simmen Gehör verschaffen.

Trotz aller „bad publicity“ und der allgemeinen Bekanntheit der rücksichtslosen Vorgehensweise des Unternehmens, öffnen monatlich neue Groß-Verkaufsmärkte. Zuletzt verstopfte eine 800 MeterSchlange die innerstädtliche Schildergasse in Kön, als am 02 Mai der neue Primark eröffnee. Der Hype und die besonders kleinen Preise ziehen vor allem Teenager an, und macht blind für Fairness und Nachhaltigkeit. Schließlich bleibt die Hoffnung, dass diese Nachricht den Kaufrausch der europäischen Bevölkerung etwas einzudämmen vermag.

 

 

Zwischen Walen und Zypressen – Ein Tag in Monterey, Kalifornien

Kalifornien kann auch grau sein, und das ist gar nicht mal so schlimm. Etwa in der Mitte der kalifornischen Küste – rund 450 Kilometer nördlich von unserem Ausgangspunkt San Diego – liegt die Kleinstadt Monterey. Bekannt durch ihr grandioses Aquarium zieht die Küstenstadt jährlich abertausende Touristen an. Aber auch die wunderschönen Strände am Rande der Route 1 und die jährlich vorbeiziehenden Walfamilien machen Monterey zu einem echten Tipp für Naturliebhaber.

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Wir starten unsere Reise von West Hollywood gen Norden. Anstatt den kurzen Weg über die Interstate quer durch das Land zu nehmen, entscheiden wir uns für einen langen, beschwerlichen aber traumhaften Weg entlang der Küste auf der Route 1. Bereits kurz nachdem wir Los Angeles verlassen türmen sich rechts von uns Klippen von gewaltiger Größe auf, links tief unter uns brandet das Meer. Die Route 1 schlängelt sich in ewigen Serpentinen in einem Paradies aus Bergen und Meer die kalifornische Küste hinauf. Hier kommt man nur langsam voran: Steinschlag und „Road Works“ verlangsamen unsere Reise, doch wem macht das schon etwas aus, wenn man im Gegenzug einen dermaßen schönen Anblick geboten bekommt. Auch wenn manch ein egozentrischer Ferrari-Besitzer hier die Fähigkeiten seines Vehikels austesten möchte, lohnt es sich die Strecke mit Gemach und Ruhe zu genießen.

Route 1 irgendwo zwischen Los Angeles und Monterey

Route 1 irgendwo zwischen Los Angeles und Monterey

Monterey war ursprünglich als Zwischenstopp geplant; eine Nacht im Motel und dann weiter ins nördliche San Francisco. Nachdem wir Los Angeles an diesem Morgen aber eher Hals über Kopf verlassen hatten, bietet der noch frühe Nachmittag allerlei Möglichkeiten. Wir checken in unser – doch leicht düsteres – Motel mit weniger vertrauenswürdigen Nachbarn ein, und machen uns gestärkt auf den Weg die Stadt zu erkunden – oder vielmehr den Strand. Unser Ziel: Der 17-Mile-Drive. Diese Straße ist – wer hätte das gedacht – eine 17 Meilen lange Schleife durch Pebble Beach, die sich durch hübsche Landschaften, entlang des Strandes und durch einen Zypressen-Wald zieht. Am durch eine Schranke gesicherten Eingang zahlen wir jeweils eine 10-Dollar-Gebühr und beginnen unsere Fahrt durch eine flache Ebene mit hohem, feinen Strandgras, das sich im Wind neigt. Hier ist es eher kühl, windig und grau – Zeit zum Durchatmen, eine Pause von Immer-Grün, Immer-Warm und Immer-Hübsch. Schön ist die ruhige Gegend gespickt von Holzpfaden und einzelnen Villen oder Golf-Clubs dennoch.

Pebble Beach

Pebble Beach

Es ist Mai. Die Zeit der Walwanderung haben wir knapp verpasst, selbst Whale-Watching-Touren werden nicht mehr angeboten. (Die beste Zeit zum Whale-Watching ist in Kalifornien zwischen Mitte Dezember und Mitte April). Die Hoffnung wollten wir nach der Enttäuschung in La Jolla Beach dennoch nicht so richtig aufgeben. Als wir bei unserem ersten Stopp an einem kleinen Parkplatz in Pebble Beach allerdings ganze 30 Minuten über Holzpfade jagten, um einem aufbrandenden Etwas im Meer näher zu kommen und dann feststellen zu müssen, dass es sich hierbei lediglich um einen großen Felsen handelte, gaben wir die Hoffnung dann endlich auf. Stattdessen widmeten wir uns unserer Fahrt in Richtung Zypressen-Wald, den eine eigenartig mystische Stimmung umgibt. Insbesondere „The Lonely Cyprus“ – eine einsame Zypresse, die seit 250 Jahren noch jedem pazifischen Sturm stand gehalten hat – und „The Ghost Cyprus“ – eine durch Wind und Wasser weiß gewaschene Zypresse – sind einen Besuch wert.

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The Lonely Cyprus

Nach einer erholsamen Nacht und einem unglaublichen Waffle-Breakfast inklusive nettem Gespräch mit amerikanischen Senioren, machen wir uns wieder auf den Weg. Hier hätten wir auch gerne länger bleiben können, aber San Francisco – und unsere Autovermietung rufen nach uns.

Bowe Bergdahl – Der Wert eines Menschenlebens

Schon wenige Stunden nach der Bekanntgabe der Freilassung des US-Soldaten Bowe Bergdahl aus fünfjähriger Gefangenschaft, kam der 28-Jährige in Rheinland-Pfalz an. Im US-Militärkrankenhaus in Landstuhl werde Bergdahl nun betreut bevor er die Rückreise in sein Heimatland antreten werde. Unterdessen werden verstärkt kritische Stimmen laut.

Washington D.C., 03. Juni 2014 – „Wir, in den Vereinigten Staaten von Amerika, lassen während eines bewaffneten Konfliktes keine Frauen und Männer in Uniform zurück.“, betont Jay Carney, Pressesprecher des Weißen Hauses, immer wieder. Ein Austausch von Gefangenen sei speziell gegen Ende eines solchen Konfliktes nicht unüblich. Dennoch wollen die anwesenden Journalisten und Politiker sich nicht ganz überzeugen lassen. Immerhin handelt es sich bei den in die Freiheit entlassenen Gefangenen um hochrangige Taliban-Mitglieder, fungierten teilweise als „Minister“ oder gehören sogar zu den Mitgründern der islamistischen Militz.

Lange hatten sich die Verhandlungen zwischen US-Regierung und Taliban hingezogen, nachdem sich Bowe Bergdahl im Jahr 2009 aus bisher unbekannten Gründen von seinem Sützpunkt entfernte und von den Islamisten festgesetzt wurde. Während sich der Soldat zunehmend seiner Umgebung anpasste – nach Insider-Angaben täglich den typischen grünen Tee  trank und lernte fließend die Sprachen des Landes zu sprechen – passte sich auch sein Vater Bob Bergdahl den Gepflogenheiten des Landes an. Um von den Islamisten ernst genommen zu werden, ließ er sich sogar einen Bart wachsen.

Nun melden sich Bergdahls Kameraden zu Wort: Einige bezeichnen ihn als Deserteur. Er habe sich unbewaffnet von der Gruppe entfernt und den Taliban sogar angeschlossen. Zudem seien sechs Kamerade bei Versuchen ihn zu befreien ums Leben gekommen. Sein Verhalten sei leichtsinnig, er habe es selbst zu verantworten. Selbst verschwörerische Theorien der Handel sei von Bergdahl selbst geplant und das Gesamtziel der „Operation“ häufen sich unter den Marines.

Kritik an dem Deal kommt auch aus den Reihen der Republikaner. Der Handel mit den Gefangenen bestätige die Terroristen und gebe ihnen das Gefühl solche Tauschgeschäfte seien möglich. Fünf hochrangige Taliban und „kaltblütige Killer“ für das Leben eines Marine auszutauschen sei grob fahrlässig. Das Motto „Wir verhandeln nicht mit Terroristen“  warf die US-Regierung über den Haufen. Bei all der Kritik beharrt Präsident Obama auf seiner Aussage, die USA lassen ihre gefangenen Sldaten nicht zurück.

Am Ende steht die Frage: Was ist ein Menschenleben wert? Obama zeigt hier, dass es einen fast nicht greifbar großen Wert hat, oder auch: das Leben seiner Bürger und Soldaten, ist ihm fünf andere Leben wert. In unserer westlich geprägten generellen Moralvorstellung gilt: „You can’t put a price tag on life.“ Was aber wenn man in eine solche Position gedrängt wird? Wenn man entscheiden muss, was ein Menschenleben wert ist?